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am 11. Februar

Wie aus der Zeit gefallen

Elisabeth Kittl - Thomas Pöchtrager hat das Projekt "Faircraft" ins Leben gerufen und bietet nun auch in der Brigittenau fair gehandelte rumänische Handwerkswaren an.

Elisabeth: Lieber Thomas, du bist vor Weihnachten in unsere Bezirksorganisation gekommen, zu einem Plenumsabend. Einfach so. Und schon warst du mittendrin im Gender Check. Diesen führen wir Grüne alle vier Jahre durch, um die unsichtbaren Flecken der Benachteiligung von Frauen in einer Organisation sichtbar zu machen. Und du hast viel dazu beigetragen, unter anderem meintest du, dass es Frauen oft auch nicht so leicht fällt, einfach so an ein solches Gremium anzudocken. Einfach so, wie du es tatest. Danke dir für diesen Input!

Du hast uns auch erzählt, dass du viel in Rumänien bist und dort nun etwas aufgebaut hast. Magst du uns erzählen, was genau das ist?

Thomas: FAIR CRAFT ist ein Zusammenschluss mit  Handwerker_innen aus Rumänien. Das Ziel ist es, das jeder das, was er am besten kann macht. Handwerker_innen, die meist marginalisiert im ländlichen Raum altes Handwerk produzieren, haben kaum Möglichkeiten sich um den Verkauf ihrer Handwerksprodukte zu kümmern. Das habe ich übernommen und im Sommer letzten Jahres dafür FAIR CRAFT als Marke und Firma mit dem Sitz in der Brigittenau gegründet.

Wie bist du auf die Idee zu diesem Projekt gekommen?

Ich habe in der Zeit zwischen Studienabschluss 2005 und der Geburt unserer Tochter 2016 in Summe fünf Jahre in Rumänien gelebt und gearbeitet. Während dieser Zeit als Lehrer, Sozialarbeiter und in der Regionalentwicklung, bin ich immer wieder Menschen begegnet, deren praktisches Wissen mich fasziniert hat. Die verwendeten Werkzeuge und Fertigungsprozesse haben zum einen etwas Archaisches, als wären sie aus der Zeit gefallen. Gleichzeitig handelt es sich um unglaublich Ressourcen schonende Prozesse. Aus heutiger Sicht Abfallprodukte des Waldes oder der Landwirtschaft werden zu wunderschönen Gebrauchsgegenständen weiterverarbeitet. Die Faszination dafür und der Umstand, dass diese Handwerker_innen vor Ort kaum Absatz für ihre Produkte finden, haben mich dazu bewegt, eine länderübergreifende Plattform für traditionelles Handwerk aufzubauen.

Wie hast du die Menschen dort kennengelernt?

Zum einen habe ich die Menschen im Zuge meiner beruflichen Tätigkeit kennengelernt, oder bin ihnen als Reisender durchs Land begegnet. Sehr wichtig für den Aufbau der Plattform ist aber auch die langjährige Freundschaft zu Horatiu Oltean. Mit ihm habe ich immer wieder und über einen längeren Zeitraum hinweg die Idee für die Zusammenarbeit mit traditionellen Handwerker_innen entwickelt. Er kümmert sich mittlerweile, nach Jahren in einem multinationalen Konzern, gemeinsam mit seinem Vater, um die Glasverarbeitungswerkstatt.

Hat dein Projekt vor Ort in Rumänien Auswirkungen gezeigt?

Durch das Projekt wird deren Handwerk sichtbarer. Menschen kaufen ihre Produkte, sie lesen über die Handwerker_innen auf der Website, die als Informationsplattform angelegt ist und FAIR CRAFT bringt die Handwerker_innen auch zu Märkten und Workshops nach Österreich. So hat zum Beispiel Iordan Gusatu am Weihnachtsmarkt auf der Freyung drei Tage lang auf der Hauptbühne Holzschüsseln geschlagen. Viele Menschen haben ihm dabei begeistert zugesehen.

FAIR CRAFT ist somit für die Handwerker sowohl ein wichtiger Abnehmer von Produkten, als auch eine Plattform über die sie eine größere Öffentlichkeit erreichen und Wertschätzung erhalten.

Magst du uns ein wenig erzählen, um welche Produkte es sich handelt, warum du gerade diese ausgesucht hast, was sie für eine Geschichte haben und wie viele du davon schon zu Hause hast?

Speziell in Zentralrumänien leben Rumän_innen, Ungar_innen, Roma und Sachsen (deutschsprachige Minderheit) seit Jahrhunderten nebeneinander. Daher hat traditionelles Handwerk fast immer auch eine ethnische Komponente.

Eine Gruppe von Roma, die Baies (Baiesch ausgesprochen) flechten seit Generationen und Jahrhunderten Körbe. Aus gesammelten Weiden- und Haselnuss-Ruten entstehen wunderschöne Körbe unterschiedlicher Form. Früher sind diese Handwerker_innen im Frühling auf Pferdewägen oder zu Fuß von Dorf zu Dorf gezogen und haben ihre Erzeugnisse verkauft. Heute finden sie dafür kaum mehr Abnehmer_innen.

Ähnlich geht es den Rudari, ebenfalls Roma, die in den kalten Monaten mit unterschiedlichen Hacken und Messern aus Holzstücken Schalen, Hocker etc. herausarbeiten.

Ein traditionelles Handwerk der ungarischen Bevölkerungsgruppe ist das Verarbeiten von Maisblättern. Diese Blätter einer alten, samenfesten Maissorte werden geerntet, getrocknet, gebleicht und zu unterschiedlichen Gebrauchsgegenständen verflochten und verwoben.

Und dann ist da noch die Familie Oltean, in deren Familienbetrieb Glas geblasen wird und alten Flaschen neues Leben eingehaucht wird. So entstehen wunderschöne Gebrauchsgegenstände aus alten Wein- und Schnapsflaschen und es werden Ölkännchen und Kerzenkugeln aus flüssigem Glas geblasen.

All diese Gegenstände habe ich seit Jahren zu Hause auf die eine oder andere Art in Verwendung. Ohne die Faszination für diese Handwerksprodukte und die Überzeugung, dass diese natürlichen und handgefertigten Unikate einfach mehr Kraft haben als industriell gefertigte Ware, wäre FAIR CRAFT nicht denkbar.

Diese unterschiedlichen Handwerker verbindet, dass sie alle Kooperationspartner von FAIR CRAFT sind. Sie arbeiten alle mit natürlichen Rohstoffen und die handwerkliche Fertigung steht im Vordergrund.

Haben die Handwerker_innen auch schon mal eine Käuferin oder einen Käufer aus Wien kennengelernt? Oder gesehen, wo ihre Produkte stehen?

Ein wichtiger Verkäufer ihres Handwerks bin ich. Ich stehe persönlich auf Märkten und informiere, verkaufe und lade Menschen zu weiteren Aktivitäten von FAIR CRAFT ein. Und mich kennen alle Handwerker_innen persönlich.

Die Handwerker_innen kommen aber auch immer wieder nach Österreich, um auf Märkten oder im Zuge von Workshops ihr Wissen und Können vorzuführen. Besonders in diesen Situationen begegnen sich Handwerker_innen und Käufer_innen und an diesen Fertigungsprozessen Interessierte. Sowohl Wiederverkäufer_innen als auch die Handwerker_innen werden auf der Informationsplattform (Website) und auf Social Media vorgestellt. JedeR kann sich über jedeN informieren.

Einige Handwerker_innen sind jedoch so stark marginalisiert, dass sie weder Zugang zum Internet haben, noch die Dokumente, um ihr Land zu verlassen. Der sozioökonomische Hintergrund der Handwerker_innen hat großen Einfluss auf die Zusammenarbeit und Kommunikation. Die Zusammenarbeit über die Plattform FAIR CRAFT bietet allen beteiligten Akteur_innen Entwicklungsmöglichkeiten.

Und wie bist du zu Bayram Senel aus dem LIOLA Naturkostladen in der Karl-Meißl-Straße 6 gekommen, wo die Produkte von FAIR CRAFT erhältlich sind?

Naja, wir von FAIR CRAFT sind generell schrittweise auf der Suche nach neuen Wiederverkäufer_innen. Und mit Bayram hat von Anfang an die Chemie gepasst. Zudem passt hochwertiges, nachhaltiges Handwerk gut zu biologischen Lebensmitteln. Dazu kommt noch, dass wir am Wallensteinplatz wohnen und uns auch privat über die Eröffnung von Naturkost LIOLA sehr gefreut haben.



Was möchtest du uns noch erzählen?

Die Zusammenarbeit über FAIR CRAFT ist langfristig angelegt. Langsam haben sich die Beziehungen zu den Handwerker_innen aufgebaut und wir werden alle schrittweise besser in dem was wir machen. Um langfristig kooperieren zu können, brauchen wir eine interessierte Öffentlichkeit und Menschen die unsere Produkte kaufen. Wir geben unser Bestes, um diese Menschen zu erreichen.

Wir würden uns daher freuen, wenn sie sich die Zeit nehmen, um uns auf www.fair-craft.com und auf facebook.com/faircrafteurope​ bei unserer Arbeit zu folgen.

Vielen Dank für dieses Interview und alles Gute mit diesem wundervollen Projekt!