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am 5. Juli

Die Freiheit, Radio zu machen - Radio Orange 94,0

Elisabeth Kittl - Am Anfang der Klosterneuburger Straße befindet sich Wiens einziger freier Radiosender – unabhängig, kritisch und niederschwellig.

von Elisabeth Kittl

Brigittenau, Klosterneuburger Straße 1: telefonierend betrete ich das ebenerdige Büro von Radio Orange. Ich setze mich zu ein paar Leuten auf eine Sofaecke. Als ich auflege, bemerke ich, dass ich mich gleich neben dem Life-Studio befinde. Aufgeregt luge ich hinein. Glücklicherweise ist niemand drinnen, sonst hätte ich wohl einen Rüffel bekommen und wäre unabsichtlich On Air gegangen.


Alle sind eingeladen, mitzumachen


Pawel Kaminski kommt zu unserer kleinen Gruppe, die wissen möchte, was denn hier, im einzigen freien Radio Wiens so passiert und wie wir mitmachen können. Pawel ist der Programmdirektor von Orange. Dass ich sofort gemütlich neben dem Life-Studio im Freiraumbüro Platz nehmen konnte, ist Absicht. Die Räume und die Infrastruktur von Orange sollen einladen mitzumachen. Es gibt keine Rezeption, keine Schranken oder andere Kontrollen. Das Medium Radio soll niederschwellig zugänglich sein. Das ist das Grundkonzept von Radio Orange 94.0. Es funktioniert!

Radiotheorie nach Berthold Brecht


In den 1920ern startete die Radiokultur. Bertold Brecht schreibt Radiotheorie und fordert den Rundfunk auf, ein demokratischer Kommunikationsapparat zu sein. Er soll nicht nur senden, sondern auch empfangen und den Menschen, die zuhören eine Stimme geben. Durch die Vielfalt der Themen und die unzähligen ProduzentInnen bei Radio Orange sind viele HörerInnen zu SenderInnen geworden. 500 RadiomacherInnen machen 150 Sendereihen in 25 verschiedenen Sprachen. Brecht wäre zufrieden. Chapeau!

Die Aufnahmestudios nutzen, Aufnahmegeräte ausborgen oder sich an einen Computer ins Büro setzen. Alles ist möglich. Schon nach einem 3-tägigem Grundkurs und der erfolgreichen Annahme einer selbst produzierten „Null-Sendung“ darf die eigene Sendereihe On Air gehen. Es ist nicht schwierig. Das kann jede und jeder.

Noch leichter ist es, sich einer der 150 Sendereihen anzuschließen. Die Auswahl ist groß, von Radio Irani über die Mietberatung Immotalk bis zum Philosophische Brocken oder den Globalen Dialogen der Redaktionsgruppe Women On Air. Die neueste Idee des Radiosenders ist das Stadtradio. Die etwas andere Art die Stadt zu erleben, nur mit Handy und Ohren. Die große Herausforderung ist für nächstes Jahr geplant: Alternative Nachrichten. Wir halten die Daumen!

Gesellschaftskritisch und nicht kommerziell


Freies Radio ist unabhängig, nicht kommerziell, gesellschaftskritisch und will dadurch Demokratie fördern. Niemand redet in die Sendegestaltung drein. Es wird keine Werbung geschalten. Niemand erkauft sich Meinungen. Doch gibt sich der Verein selbst Richtlinien: die Beiträge dürfen nicht diskriminierend sein, sollen auf einen Ausgleich der Geschlechter achten und Menschen zu Wort kommen lassen, die sonst wenig bis gar nicht gehört werden.

Erst 1998 hat sich das Radio in Österreich vom Monopol des ORFs befreit. Nach jahrzehntelangem Kampf wurden die ersten privaten Sendelizenzen ausgegeben. Davor führten die RadiopiratInnen ein nomadenhaftes Leben und wechselten immer wieder ihren Sendeplatz, um nicht von den Peilwagen der Post entdeckt zu werden. Auch Radio Orange 94.0 gibt es seit 1998 und wir freuen uns, ihm nächstes Jahr zum Zwanziger zu gratulieren!