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am 10. Dezember 2021

Augen verschließen

Beate Hemmelmayr - Die Augen zumachen mag zwar im Moment angenehm sein, aber es löst keine Probleme. Aber wenn man einigen Menschen in der Bezirksvertretung zuhört, merkt man, dass sie das noch immer glauben.

Als kleines Mädchen habe ich die Augen zugemacht und war mir sicher, dass mich dann niemand mehr sehen kann. Und natürlich war ich mir sicher, dass alles was ich in dem Moment nicht sehen konnte, auch nicht da ist.

Einige Jahre später habe ich wohl bemerkt, dass das nicht so einfach ist. Die Augen zumachen mag zwar im Moment angenehm sein, aber es löst keine Probleme. Aber wenn man einigen Menschen in der Bezirksvertretung zuhört, merkt man, dass sie das noch immer glauben.

Das Projekt “Sicherer Hafen” sucht Gemeinden, die Geflüchtete aufnehmen und ihnen ein sicheres Ankommen nach ihrer Flucht ermöglichen. Auch wir haben dazu einen Resolutionsantrag im Bezirksparlament eingebracht. Wir sind uns sicher, dass die Brigittenau ein sicherer Hafen sein kann. Das haben wir schon in der Vergangenheit bewiesen und haben Geflüchtete in ihrer Caritas-Unterkunft in der Nordwestbahnstraße unterstützt. Aber die Diskussion in der Bezirksvertretungssitzung enthielt alle Vorurteile, die man sich so vorstellen kann. Und es wurde sogar unterstellt, dass wir durch unseren Antrag Flüchtlinge anlocken würden.

Solche Diskussionen sind für mich schwer auszuhalten. Ich habe selbst ankommende Flüchtlinge unterstützt und gesehen, mit wie wenig und wie traumatisiert sie bei uns ankommen. Ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich mir nicht überlegen muss, welche Sachen ich in den einen Koffer packe, den ich mitnehmen kann oder welchen meiner Söhne ich die Fluchtroute vorausschicke. Es ist zynisch solchen Menschen vorzuwerfen, dass sie sich ins gemachte Nest setzen oder sich ihr Gratis-Handy abholen wollen.

Und es ist zynisch zu glauben, dass wenn man nicht hinsieht, das Problem nicht existiert. Dass man es einfach wegzaubern kann, wenn man die Augen davor verschließt, so wie wir es als Kinder getan haben.

Es sind Menschen die kommen, Menschen für die die Menschenrechte gelten. Und diese Menschen kommen, weil es in ihrem Land für sie nicht sicher ist. Weil sie vor Krieg und Verfolgung flüchten. Weil sie sich hier ein Leben in Sicherheit erhoffen. Das würde ich auch tun. Ich würde alles in meiner Macht stehende tun, um das Leben meiner Familie und mein Leben zu retten.

Es sind Menschen die kommen, und diese Menschen kommen, egal ob wir sie einladen oder nicht. Und es ist unsere Aufgabe sie Willkommen zu heißen und für sie da zu sein. Und nicht die Augen zu verschließen und dass es jemand anderer übernimmt.

Am 10. Dezember begehen wir zum 73. Mal den Tag der Menschenrechte. Und man würde meinen, dass nach 73 Jahren gesickert ist, dass diese Erklärung für ALLE MENSCHEN gilt. Dass Menschenrechte unabhängig von Herkunft, Glauben oder Bildung gelten. Aber solange das nicht bei allen gesickert ist, werden wir nicht müde es immer wieder zu erklären.