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am 30. November 2017

Als Fahrer für den Globus Verlag

- Bert Sittich, Mitglied der Grünen Brigittenau, lebt schon seit seiner Kindheit in der Brigittenau. Und nicht nur das: Im berühmten Globus Verlag der KPÖ hat er seine ersten Berufserfahrungen gesammelt. In diesem schönen Text erzählt er von damals.

In den Nachkriegsjahren 1954 - 1956 baute die KPÖ an der Adresse Höchstädtplatz 3 mit Hilfe eigener Gelder, aber auch durch sogenannte Bausteine von Parteimitgliedern im Sowjet-Sektor ein für die damalige Zeit hochmodernes Druckereizentrum. Verschiedene periodische Druckwerke der KPÖ entstanden dort ebenso, wie arbeitsqualitytiv hochwertige Bildbände und Bücher. Zu Spitzenzeiten waren an die 1000 Leute beschäftigt, der Betrieb galt als sehr sozial geführt, auch um als Vorzeigeprojekt zu dienen. Um Geschäfte im Inland kümmerte man sich nicht, denn der "Globus" hatte stets verlässliche Aufträge aus den sozialistischen Staaten. Doch die aus der DDR stammenden Druckmaschinen kamen in die Jahre, wurden mehr und mehr zer-repariert, die Aufträge gingen allmählich zurück, die Geschäftsleitung ertrank in luxuriösen Werbegeschenken - und die Firma ertrank auch allmählich, jedoch unbeschenkt. Beim Konkurs in den 90er-Jahren gab es noch ein letztes soziales Aufbäumen in Form großzügiger Abfindungen für die noch verbliebenen MitarbeiterInnen, dann war Schluss.

Heute dient das Gebäude primär als Schulungszentrum und einzig das von Alfred Hrdlicka den Opfern und Kämpfern gegen faschistische Gewaltherrschaft, Rassismus und Krieg gewidmete Mahnmal "Marsyas" erinnert an ein ehemals linkes Zentrum, von dem durch betont österreichisch-patriotische  Intellektuelle vor allem in den Anfangszeiten kulturelle Akzente gesetzt wurden.

Quelle: wikipdiea


Jetzt einfach fort, die Gasse entlang weglaufen und niemand würde sein schamrotes Gesicht sehen. Die eingedrückte linke Seitenwand des VW-Bus, die wie ein Kartenhaus zusammengefallene Holzhütte des Portiers müsste er vielleicht irgendwann bezahlen, doch von daheim aus, aus sicherem Gebiet. Aber hinter dem Buben kreischte Charly, der Portier. Er saß drinnen, als sein Arbeitsplatz zusammenfiel, doch er hatte Glück - das große Fenster zerbrach durch die Spannung, zu Boden fallend umrahmte ihn der ganze Fensterstock und er saß schreiend in einem Haufen von Glassplittern, Brettern und Schlüsseln. Dass der Kollege unverletzt geblieben war, wusste der Knabe nicht und er wusste auch nicht, dass das schrille Kreischen lediglich eine Schockreaktion war. Also war nichts mit dem befreienden Wegrennen, da hinten lag womöglich ein Schwerverletzter. Und der Bub, der hier seinen ersten Arbeitstag, seine erste Arbeitsstunde als Chauffeur mit Führerschein B begonnen hatte, kam zurück und ging zum Kreischportier, der ihn fassungslos anstarrte.

Als der Knabe sah, dass sein Opfer unverletzt war, erwachte in ihm sofort wieder sein Fluchtinstinkt. Doch da hatte sich die große, rings um den Hof laufende Laderampe bereits mit ArbeiterInnen aus den umliegenden Abteilungen gefüllt. Eine stumme blaugekleidete Wand mit ernsten Gesichtern. Der junge Kraftfahrer, der noch keiner war, hatte sehr helle Ohren und hörte die Rampe sprechen ...

"Wer is'n des?"
"Weiß i' net - irgend a' Neuer".
"A ziemlicha Trott'l, wer hat'n den aufgenommen?"
"I' glaub, des is' der Bub von der Frau Sittich. Die hat ihr deppert's Kind da irgendwie in der Firma untergebracht".
"Na servas, auf den kann's stolz sein".

Etwa eine Woche zuvor. Stolz präsentierte der junge Sittich sein Diplom, die bestandene Gesellenprüfung als Lederwarenerzeuger seinem Chef. Der strahlte in tiefer Verbundenheit gleich mit, obwohl ihm der Bub als Lehrling eher unangenehm aufgefallen war. Nicht aufgrund mangelnder Arbeitsleistung, doch er als Boss morgens aus dem Lift trat, badete er zigarrenpaffend in einer schleimigen Pfütze devoter Bücklinge seiner Knechte - und nur der Knülch da blieb stur sitzen und arbeitete weiter. Er hatte ihn auch mal drauf angesprochen und dessen "wer einen Raum betritt grüßt als erster" war ihm sauer aufgestoßen. Egal, jetzt hatte er unter seiner fürsorglichen Obhut die Prüfung geschafft und das sogar mit Auszeichnung. Er bot dem Knaben großzügig an, ihn weiter zu beschäftigen - für den Kollektivlohn von öS 12,50.- (Stand 1972) mit Aussicht auf öS 13.- nach ein paar Monaten. Die Frechheit, mit welcher der Bub sein Angebot ausschlug, ließ ihm fast die Zigarre aus dem Mund fallen. "Als Hilfsarbeiter mit Führerschein B verdien' ich das Doppelte von einem ausgelernten Facharbeiter bei ihnen" - und weg war er, noch dazu grußlos.

Und Jung-Sittich startete draußen sein kleines Motorrad, denn schon als Lehrling hatte er verbissen an seinen Führerscheinen für Einspurfahrzeuge und Autos gearbeitet und deren Prüfungen auch auf Anhieb bestanden. Über Details selbiger Prüfung breiten wir generös den Mantel des Schweigens. Ein weltkriegsteilnehmender Prüfer saß mit gestrengem Blick mehreren Langhaarigen gegenüber und am Ende der Reihe stand scheu, brav und vor allem mit artigem Kurzhaarschnitt unser Knabe - und bestand alles, ohne im praktischen Teil des Autofahrens auch nur die geringste Ahnung von irgendwas zu haben. Die bösen und sicher auch Haschisch spritzenden Hippies fielen durch. Monate vergingen, das Motorrad lief und der Autoführerschein hätte zu schimmeln begonnen, wäre er nicht täglich mehrmals gezückt worden, denn die Einspurfahrzeuge betreffenden Verkehrskontrollen waren in ihrer offensichtlichen Häufigkeit lähmend.

Und Mutti ging zum Personalchef der großen Druckerei, um für ihr noch daheim wohnendes Söhnchen zu werben. Ganz sicher ist der ein ausgezeichnet guter Fahrer, immer unfallfrei und mit viel Erfahrung. Sie glaubte sogar daran, denn nie lag der auf der Papp'n und sein Fahrzeug war stets blank geputzt. Dass ein Motorrad mit einem Auto nur den Treibstoff gemeinsam hat, wusste sie nicht. Der Personalmann vertraute seiner langjährigen Arbeiterin, beim Einstellungsgespräch brabbelte der Bub dann von seinen vielen Touren, von Sicherheitsbewusstsein und der Verantwortung gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern. Dass er das alles mit einem einspurigen KFZ fuhr und seine vorgelegte Verantwortung primär der Angst entsprang, sich bei einem Unfall selbst weh zu tun, davon sprach er nicht.

Er wurde aufgenommen, stellte sich seinem Abteilungsleiter vor und bekam den Auftrag, einen VW-Bus in eine Werkstätte zu fahren. Dann saß er in der Garage und nun wurden ihm die riesigen Dimensionen dieses Aggregats bewusst. Der Innenspiegel war tot, denn es war ein Zollfahrzeug mit dicken Gittern in der Heckscheibe. Alles war so anders als bei seinem Opel Kadett aus der Fahrschule vor einem dreiviertel Jahr. Ein Schlachtschiff gegenüber einem Paddelboot, das war sein Eindruck. Vorsichtig rollte der Bub in den Hof, schlug dann das Lenkrad voll links ein, unterschätzte völlig die Länge des Fahrzeugs und drückte mit der Seitenwand das filigrane Portierhäuschen um. Den Rest kennen wir.

Der Abteilungsleiter war ebenso nachsichtig wie auch die Firmenleitung. Der Mutti-Bonus zog noch, war aber nachhaltig geschwächt. Klein-Sittich wurde in einen 700er-Puch-Kombi gesetzt, belieferte damit Zeitungsausträger und lernte endlich Autofahren. In einem VW-Bus saß er erst Monate später wieder und nach etwas Umgewöhnung war er auch hier Herr des Geschehens. Etwa in dieser Zeit begann auch der Portier Charly wieder mit dem Buben zu sprechen. Immerhin hatte man ihn nun in ein fest in der Erde gemauertes Häuschen gesetzt. Der Globus-Verlag wurde längst Opfer der Zeit und einer Geschäftsleitung, die man eingesetzt hatte - weil es sich um stramme Parteigenossen gehandelt hatte. Ob alleine das zur Führung eines Großbetriebes befähigt sei dahingestellt.