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am 4. April

Widerständige Brigittenauerinnen aus aller Welt

Barbara Pickl, Elisabeth Kittl - Am Internationalen Frauentag im Gedenkjahr 2018 führte uns Petra Unger an Gedenkorte für widerständige Frauen in der Brigittenau.

Auf den Spuren von Maria Restituta, die im Landesgericht Wien hingerichtet wurde.
In der Schule in der Treustraße unterrichtete Stella Klein-Löw.

Petra Unger stellt uns mutige, politische Frauen vor. Frauen, die ihr Leben der Menschlichkeit und der Demokratie widmeten und manchmal auch opfern mussten.

Die Brigittenau - immer schon eine Einwanderungs- und lange ein Arbeiter_innenbezirk

Die Brigittenau profitierte enorm von der Donauregulierung 1875. Endlich musste nicht mehr damit gerechnet werden, dass die Behausungen immer wieder unter Wasser stehen. Die Brigittenau erlebte damals einen Siedlungs- und Bauboom. Viele neue Bewohnerinnen und Bewohner kamen aus der Bukowina, Galizien, Tschechien und Slowenien. 1890 lebten 37.500 Menschen in der Brigittenau, 1910 waren es schon über 100.000. Etwa 20.000 von ihnen waren jüdischen Glaubens, nach dem zweiten Weltkrieg waren es nur mehr etwas mehr als 30!

Auch mehr und mehr Fabriken öffneten ihre Pforten, wie die Siemens-Schuckert-Werke. Arbeit und Wohnen in der Nachbarschaft. Ein Traum für viele heute. Die Wohnverhältnisse trotz Hochwasserschutz waren jedoch bar jeden Wunschtraums. Billig errichtete Mietskasernen mit nur zwei Wasser- und Kanalsträngen für Klo am Gang und Bassena waren die Norm. Der Arbeitstag hatte oft nicht weniger als 16 Stunden, Arbeitsrechte gab es keine. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Arbeiterbewegung in der Brigittenau immer eine sehr starke war.

Kalandersaal der Dampfwäscherei in der Dammstraße


FANNI ROTTENBERG - GEMEINDEWOHNUNG, EIN KOSTBARES GUT

Gemeindewohnungen wurden ab den 1920ern aus den Erträgen der Wohnbausteuer gebaut. An jüdische Bürger_innen wurden diese aber selten vergeben. Nur 250 von den knapp 20.000 Brigittenauer_innen mit jüdischer Herkunft lebten in einer solchen, neuen und menschenfreundlichen Wohnstätte. Nach dem Anschluss wurden diese innerhalb von zwei Wochen delogiert. Von einem Tag auf den anderen standen Fanni Rottenberg und ihr Mann auf der Straße, rausgeschmissen aus der Wohnung in der Hannovergasse 13-15, einem Gemeindebau aus den 1920ern. Heute befindet sich auf diesem Haus eine Gedenktafel, die daran erinnert und ihren Mann Philip erwähnt. Fanni Rottenberg wird nicht erwähnt. Im selben Haus befindet sich unser Grünes Parteilokal und unsere Bestrebung[1] , auch Fanni auf dieser Tafel zu verewigen.

1939 wurde die Kündigung jüdischer Mieterinnen und Mieter gesetzlich vorgeschrieben. Niemand vermietete mehr an sie. Es entstanden die sogenannten Sammelwohnungen, Wohnungen, in denen mehrere Familien auf engstem Raum zusammengepfercht wurden. Die daraus erwachsenden schwierigen hygienischen Bedingungen und die oft sozialen Differenzen - im 20. Bezirk lebten viele Orthodoxe - dienten den Nazis als Argument, die Menschen zu deportieren.

1939 verlor Fanni Rottenberg wie alle anderen jüdischen Wiener_innen ihre Gemeindewohnung in der Hannovergasse

Im März 1941 organisierte die Zentralstelle für jüdische Auswanderung eine neue große Umsiedlung von Jüdinnen und Juden in Wien. Zweck war nicht mehr die Beschaffung von Wohnraum für die "arische" Bevölkerung, sondern die Konzentration der Jüdinnen und Juden für die künftigen Deportationen. Aus allen Teilen der Stadt wurden sie in den 2., 9. und 20. Bezirk in Sammelwohnungen umgesiedelt. Als die "Zentralstelle" die Deportationen im Herbst 1941 fortsetzte, trieb die SS die Jüdinnen und Juden aus den Wohnungen in Sammellager, von wo aus die Transporte zum Aspangbahnhof erfolgten. Zwischen März 1938 und Oktober 1942 wurden in Wien zwischen 63.000 und 70.000 Wohnungen ihren jüdischen Mieterinnen und Mietern sowie Eigentümerinnen und Eigentümern genommen. (https://www.wien.gv.at/wiki/index.php?title=Sammelwohnungen​)


MARIA RESOLUTA KAFKA

Maria Kafka war ein Kind solch einer Zuwanderungsfamilie. 1894 war sie in Brünn geboren. Im Alter von zwei Jahren zog sie mit ihrer Familie in die Brigittenau. Mit neunzehn Jahren wurde sie Ordensschwester und nannte sich Maria Restituta. Aufgrund ihrer losen Zunge und ihres Widerstandsgeistes wurde sie jedoch Maria Resoluta gerufen. Sie war undiplomatisch, ungeduldig, trug das Haar offen und ging ins Gasthaus auf Bier und Gulasch. Sie war den Menschen nahe, war warm und hilfsbereit. Ihre Wahrheitsliebe jedoch war rücksichtslos. Sie war keine typische Ordensschwester. Immer wieder trat sie gegen den Nationalsozialismus auf, hängte verbotenerweise Kreuze an die Wände und verfasste Schmähgedichte gegen die Nazis. Das kostete ihr schließlich das Leben. Am 30. März 1943 wurde sie im Wiener Landesgericht geköpft.

Zum Gedenken an diese resolute Frau hängt im Stephansdom eine Büste und in der Brigitta Kirche ein Bild.

ROSA JOCHMANN - ZEITLEBENS ERINNERN

1901 in der Brigitta Kirche getauft wurde Rosa Jochmann. Auch sie war Kind einer Einwanderungsfamilie, doch schon in der Brigittenau geboren. Sie war ein klassisches Kind des Arbeitsmilieus. Schon mit vierzehn Jahren fing sie in einer Fabrik zu arbeiten an, um die Familie nach dem Tod der Mutter zu ernähren. Mit neunzehn Jahren wurde sie Betriebsrätin und 1934 ging sie als Revolutionäre Sozialistin in den Untergrund. Bei Aktionen wurde sie verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. 1939 wurde sie neuerlich, dieses Mal von der Gestapo verhaftet und nach Ravensbrück deportiert.

In Ravensbrück lernte sie Käthe Leichter kennen. Leichter half ihr zur Blockältesten zu werden und gab ihr Ratschläge, wie sie sich als Vermittlungsinstanz zwischen Lagerleitung und Häftlingen verhalten solle. Jochmann setzte sich unermüdlich für die Frauen in Ravensbrück ein und war immer wieder in langer Einzelhaft ohne Nahrung. Am Ende des Krieges organisierte sie einen Häftlingstransport nach Wien. Auf eine Heimholung durch den Staat Österreich, wie es auch andere Staaten taten, wartete sie und die anderen Insaßinnen vergeblich. Ein Ring mit einem kleinen Elefanten aus einer alten Zahnbürste, geschnitzt von einer ihrer Mithäftlinge, erinnerte sie Zeit ihres Lebens an das KZ. Aber auch wenn sie als Zeitzeugin von der Schreckenszeit des Nationalsozialismus erzählte und vor der Wiederkehr des Rechtsextremismus warnte, setzte sie sich immer wieder den furchtbaren Erinnerungen aus.

Wieder in Wien wurde sie schon im Jahr 1945 Abgeordnete zum Nationalrat und ihr politischer Auftrag war der Einsatz für die Ausdehnung des Anwendungsbereichs des Opferschutzgesetzes auf Juden, Roma und Sinti. Was für eine Farce und ein trauriges Bild des damaligen Österreichs, dass diese Personen vorerst nicht als Opfer anerkannt wurden! Jochmann wurde aufgrund ihrer politischen Einstellung und Vergangenheit immer wieder als Feigenblatt der Mittäterschaft der Sozialdemokratie vorgeführt.

Cäcilie Helten war seit Ravensbrück bis zu deren Tod 1974 die Lebensgefährtin von Rosa Jochmann. Aufgrund dieser Partnerschaft war Jochmann immer wieder Denunziationen ausgesetzt. Auch heute scheint diese Beziehung ein Tabu zu sein, da sich kaum Informationen darüber finden.

ERNA MUSIK - EINE BEKANNTE BRIGITTENAUER POLITIKERIN

Erna Raus war im Vergleich zu den vorherigen Persönlichkeiten 1921 geboren schon ein späteres Baujahr. Nach dem Zweiten Weltkrieg heiratete sie in der Brigitta Kirche Karl Musik, mit dem sie bereits seit 1942 verlobt war und mit ihm eine Tochter hatte. Aufgrund der Nürnberger Rassengesetze durfte sie ihn aber zur Zeit des Nationalsozialismus nicht heiraten, Grund dafür war ihre jüdische Herkunft. Auch sie war eine sozialistische Widerstandskämpferin. Karl Musik gründete eine Zelle der Revolutionären Sozialisten, in der beide illegal politisch tätig waren. 1943 wurde Erna Musik verhaftet, zuerst in der Wiener Rossauer Kaserne verhört, gefoltert und eingesperrt und dann nach Auschwitz-Birkenau, später nach Ravensbrück verbracht. Am Ende des Krieges ging sie von dort - wie viele andere auch - größtenteils zu Fuß zurück nach Wien.

Wieder im Alltag angekommen, eröffnete sie ihre eigene Weißnäherei und wurde auch sofort wieder politisch tätig. Sie baute u.a. im Freien Wirtschaftsverbandes das Frauenreferat auf. Auch sie war als Zeitzeugin in österreichischen Schulen unterwegs und Mitglied der Lagergemeinschaften Ausschwitz und Ravensbrück.

1973 bis 1987 war sie Bezirksrätin in der Brigittenau. Piet Grusch, ehemaliger Grüner Bezirksrat, saß mit ihr in der Bezirksvertretung. Ein anderer Teilnehmer des Spaziergangs erinnerte sich auch an Erna Musik, genau genommen an ihre Nummern-Tätowierung am Unterarm als er sie als Pfleger in ihrer Wohnung im “Friedrich-Engels-Hof” wusch. Von ihrer Vergangenheit wusste er damals nichts. Ihre Geschichte erzählte ihm erst Petra Unger am 8. März 2018, fast zehn Jahre nach Musiks Tod.

UNERMÜDLICH FÜR EINE BESSERE WELT AUCH STELLA KLEIN-LÖW, ELSE FELDMANN, MARIANNE HUDEK, IRMA TRKSAK


Noch viele berühmte und weniger berühmte Brigittenauerinnen, die sich für eine bessere Gesellschaft einsetzten und leider oft mit dem Tod bezahlen mussten, durften wir auf diesem eindrücklichen Spaziergang kennenlernen.

Stella Klein-Löw unterrichtete am jüdischen Chajes-Realgymnasium (heute Gymnasium i der Staudingergasse 6), der ersten individual-psychologischen Versuchsschule[3] . 1938 wurde das Gymnasium geschlossen und wurde fortan bis 1945 als Sammellager für Menschen mit Jüdischem Hintergrund zum Transport in Konzentrationslager genutzt. Klein-Löw flüchtete zeitgerecht nach England, kam aber auch wieder zurück, um wieder politisch tätig zu werden. Auch sie wurde Abgeordnete zum Nationalrat.

Vor dem Wohnhaus von Else Feldmann

Die Autorin Else Feldmann schrieb in Löwenzahn (1921) über die Welt der Frauen und Mädchen am Anfang des 20. Jahrhunderts im Arbeitermilieu der Brigittenau. Sie überlebte ihre Internierung nicht.

Marianne Hudek, auch tschechischer Herkunft und junge Widerstandskämpferin mit dem Traum von Demokratie und Selbstbestimmung wurde bei einem Sabotageakt verhaftet, schwer gefoltert, wurde dazu getrieben, ihre Freunde zu verraten und begann schließlich Suizid in ihrer Zelle.

Irma Trksak, auch Kind einer tschechischen Zuwanderungsfamilie ging in den Widerstand. Ausgemergelt und von sowjetischen Soldaten vergewaltigt überlebte sie Ravensbrück. Das Schweigen aufgrund Scham und Schuldumkehr über die unzähligen sexuellen und gewaltvollen Misshandlungen im Krieg und danach durch die Befreier wollte sie brechen. Trotz des immer wiederkehrenden Schmerzes der Erinnerung war sie bis zu ihrem Tod 2017 nicht müde darüber zu berichten.


Danke an Petra Unger, die so viel Forschungsarbeit, Rundumwissen sowie demokratische und anti-rassistische Sensibilität in diesen Spaziergang legte und uns mit vollem Herzen die Biografien dieser Heroinnen so eindringlich und berührend näherbrachte!

Danke an all diese wunderbaren Frauen!

Wollen wir uns an sie erinnern und ihrem Mut und ihren Taten folgen!