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am 5. März

Kollektiver feministischer Hackerspace in der Brigittenau

- MZ*Baltazar's Laboratory erklimmt den Elfenbeinturm der Technik. Wir sprachen mit Stefanie Wuschitz und Zosia Hołubowska vor dem “Laboratorium”.

Wallensteinstrasse 38-40


Rückblick eines anregenden Gesprächs über Lernen von- und miteinander, die Reduzierung der Hemmschwelle für Frauen*, sich mit technischen Dingen auseinanderzusetzen und vieles mehr. Von Catherina Purrucker und Elisabeth Kittl, Grüne Brigittenau.

Wer sind MZ* Baltazar's Laboratory?

Ein Künstler*innen-Kollektiv aus sieben Frauen*, die großteils im 20. Bezirk leben. Manche erst seit kurzem. Die Künstler*innen leben in der Brigittenau, weil der Bezirk leistbar und lebenswert ist. Das MZ* [Miss] Baltazar's Laboratory gibt es schon seit 2009. Bevor die technischen Künstler*innen im August 2016 in die Wallensteinstraße 38 zogen, betrieben sie einen Hackerspace im 15. Bezirk.

In Österreich werden jährlich ca. 20 Workshops abgehalten, im Ausland sind es mittlerweile mehr als 60. Das Kollektiv möchte eigentlich gerne in der Brigittenau bleiben und hier Menschen zusammenbringen, die sich im klassischen “tech space” ausgeschlossen fühlen. Die Künstler*innen verstehen sich als intersektionale Feministinnen, die soziale Strukturen kritisch hinterfragen, systembedingte Ungleichheiten analysieren und durch ihre* Initiativen im Bereich Kunst, Technik und Wissenschaft einen Beitrag zu deren Beseitigung leisten möchten.

Was tut MZ* Baltazar's Laboratory?

Sie* stellen Wissen und einen Raum zur Verfügung, in dem Frauen* und Mädchen in den unterschiedlichsten Workshops niederschwellig Technikerfahrung machen können. Eine CNC-Fräse zur Konstruktion von Bauteilen und einen 3D-Drucker zur Modellierung von allerlei Gegenständen gibt es schon.

Der Workspace wird auch als Atelier verwendet und Künstlerinnen* für Solo-Shows oder Ausstellungen zur Verfügung gestellt. In der überwiegend männlichen Kunstszene wirkt das wie eine Insel.

Was will MZ* Baltazar's Laboratory verbessern?

Immer wieder wird die Eigen- und Fremdkonstruktionen des Selbst hinterfragt. Dem Kollektiv, welches vor allem aus jungen Frauen* besteht, ist es ein Anliegen, sich zu öffnen. Die verschiedensten, aufgrund von Ethnie, Alter, Religion oder Handicap benachteiligten Frauen* wollen angesprochen werden. Ihnen soll der Raum und das in ihm versammelte Wissen dienen. Es sollen so vor allem Menschen angesprochen werden, die traditionell nicht unbedingt an Technologienutzung teilnehmen.

Warum tut MZ* Baltazar's Laboratory das?

1. Opening the black box

Sie* treten gegen alltäglich gelebte Rollenzuschreibungen auf, die Frauen* immer noch oft versteckt systemimmanent oder nett gemeint von der Verwendung und Aneignung von Technik ausschließen. Das Wissen über und der Umgang mit technischen Geräten sollen aus dem Elfenbeinturm befreit werden. Aber nicht nur das: auch die Autorität der technischen Geräte selbst soll demystifiziert und gebrochen werden, im wahrsten Sinne des Wortes: Geräte werden aufgeschraubt, zerbrochen, zerstört. Frau* schaut, was drinnen steckt, wie es funktioniert und wie es repariert werden kann. So sollen Berührungsängste genommen, Frauen* ermutigt und darin bestärkt werden, dass sie* auch Technikkompetenz erlangen können. Löten kann in fünf Minuten gelernt werden, stricken zu können, dauert wohl fünf Stunden!

2. Aneignung im Peer-to-Peer-Verfahren

Ganz zentral für die Künstler*innen ist das Lernen von- und miteinander und der Erfahrungsaustausch. Es sollen neue Role Models entstehen und im Peer-to-Peer-Lernverfahren die (technische) Selbsteinschätzung von Frauen* gestärkt werden. Der Raum dient Frauen*, ungezwungen und in gegenseitigem Erfahrungs- und Wissensaustausch (Skillsharing) zu lernen, zu reflektieren, zu analysieren und sich zu bilden.

Wesentlich ist für die Künstler*innen auch, dass technische Hard- und Software angeeignet wird: so wird Arduino zum Beispiel zu Arduina oder ein Kondensator zur Kondensatorin. Nebenbei: Das Aussehen eines Werkzeugs hat Auswirkungen darauf, wie es wahrgenommen wird. Wenn ein Tool zum Beispiel pink oder mit Blumen bedruckt ist, erscheint die Handhabung, aber auch die technische Ausgefeiltheit einfacher. Die rosane Microcontrollerin mit Blümchen darauf wirkte technisch einfacher als ein schwarzer Microcontroller.

3. (digital) Commons

Gemeinschaftliches soll gemeinsam geschaffen und verbessert werden (open source). MZ* bietet daher workshops zu Wikimedia, Linux oder Open Street Map.

Wie finanziert sich MZ* Baltazar's Laboratory?

In den vergangenen Jahren konnte sich das Kollektiv durch Spenden und Förderungen, wie zum Beispiel durch die Kulturabteilung der Stadt Wien (MA7), das Programm zur Förderung innovativer Kunst (SHIFT), das Frauenministerium oder das Zentrum für soziale Innovation finanzieren. Da die Workshops für die Teilnehmer*innen kostenlos sind und auch weiterhin gratis sein sollen, sind Förderungen essentiell für die Arbeit von MZ*Baltazar’s Laboratory.


​Was wünscht sich MZ* Baltazar's Laboratory?

Erhält das Kollektiv Förderungen, blühen die ehrenamtlich Engagierten auf und setzen in Windeseile Projekte um. Für ein jeden Tag geöffnetes Laboratorium reicht es aber nie. Daher würden sie* sich über eine Förderung des Bezirks sehr freuen!

Wir bedanken uns für das nette und aufschlussreiche Gespräch und freuen uns darüber, dass sich die Hacker*innen nun in der Brigittenau angesiedelt haben und auch hier bleiben wollen!

Auf die nächsten Aktionen und Veranstaltungen beispielsweise zum Internationalen Frauentag, die geplanten Performances des nomadischen Kulturinstituts “The Roof”, das gemeinsam mit den Menschen in der Stadt ein Kunstprojekt an immer neuen Orten platziert oder die Installation von Ela Aloisia Sattler, die mit Utopien einer europäischen Gesellschaft spielt, sind wir schon sehr gespannt!

Wer Interesse an den Workshops und Ausstellungen des MZ*Baltazar’s Laboratory hat, findet unter dem Link (www.mzbaltazarslaboratory.org) bzw. auf Facebook nähere Informationen.