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am 29. August

Radpolitik mit Retro-Charme

Barbara Pickl - In der Brigittenau wird die Verkehrsplanung entscheidend gestaltet von Menschen, die über RadlerInnen bestenfalls den Kopf schütteln, die die Öffis persönlich meiden wie der Teufel das Weihwasser. Wie soll in solchen Köpfen sanfte Mobilität Anklang finden?

Radfreundlichkeit von 1991 - das ist der aktuel

Juni. Wieder einmal ist das mehr als löchrige Radwegenetz in der Brigittenau Thema bei der Bezirksvertretungssitzung. Ein Ausbau – das wird schnell klar – findet hier keine Mehrheit.

Die jeweiligen Argumente dagegen lassen aber doch noch manchmal überrascht aufblicken: Wenn er mit dem Auto unterwegs sei, braucht er nicht noch eine Stelle, wo die Radler vor ihm die Straße queren, den Anblick müsse er schon oft genug ertragen, meint da sinngemäß der FPÖ-Abgeordnete, der sich zu Wort gemeldet hat. Andere sind höflicher: Mehr Radfahrer bedeuten mehr Unfälle, wird da argumentiert, oder die Kosten wären nicht tragbar. Visionen von zornig protestierenden AutofahrerInnen lassen die führenden Parteien erschaudern.

Unterm Strich: Mittelpunkt und Maß der Planungen ist und bleibt der Mensch hinterm Lenkrad. Auch wenn die Statistiken anderes zeigen und bei wachsender Bevölkerungszahl die Autos wie auch die Neuanmeldungen ständig sinken.

Verkehrspolitik für Rad, Öffis und Auto lässt sich nicht trennen

So wird Verkehrspolitik im Bezirk gemacht: Überall, wo mehr Platz für RadlerInnen eine Beschränkung der Autos bedeuten würde, sehen sich FPÖ und SPÖ mit satter Mehrheit als die Lobby der AutofahrerInnen. Gemeinsam mit der ÖVP haben sie beschlossen, Pläne für eine fußgängerfreundlichere Wallensteinstraße in der Schublade verschwinden zu lassen. Breitere Gehsteige, Begrünung, Schatten, Radstreifen - all das wird im 9. Bezirk umgesetzt - enden also weiterhin an der Friedensbrücke.  Die offizielle Brigittenau wehrt sich entschlossen gegen solche neumodischen Projekte.

Gemeinsam sind FPÖ, SPÖ und ÖVP gegen Radfahren in Einbahnen, gegen Fahrradstraßen mit Nachrang für die PKWs und gegen Radabstellplätze oder Baumpflanzungen auf Parkplätzen.

Über diese Art von Verkehrsplanung lässt sich nur so viel Positives sagen: Dass sie einen gewissen Retro-Charme hat. Noch immer wirbt man vor dem Amtshaus mit dem Schild „Brigittenau – fahrradfreundlicher Bezirk 1991“. Damals eine Aktion der Bezirkszeitung. Noch immer stecken in den Köpfen im Amtshaus die Verkehrskonzepte der 90er Jahre.

Grüne Ansätze

Ein grüner Bezirk sähe da anders aus. Vorausschauende Verkehrspolitik bedeutet, die Öffi-Benutzung attraktiv zu machen. Projekte der Stadt Wien, die dem Bezirk zugute kommen, mitzutragen. 

Langfristig die Herausforderungen im Bezirk angehen, das Stadtklima in den engen Altbauvierteln verbessern, die Erholungsgebiete erhalten und ausbauen, dort wo sich die Bevölkerung in den nächsten Jahren verdichten wird. 

Radwege, die Lust auf Radfahren machen und sicher sind, auch für Kinder und ältere RadlerInnen. 

Kämpfen um mehr Busse im Öffi-Bermudadreieck Kornhäuselvierte, statt still und heimlich Fahrplankürzungen hinzunehmen.

Und ja, die Straßen sind für alle da. Das sollte man ihnen auch ansehen.